Die Negativretusche

Bei vielen Fotografen gehört/gehörte eine Negativretusche nicht zum üblichen Arbeitsrepertoire. Einmal, weil diese Retusche oft sehr zeitaufwändig ist, zum anderen, weil sie ein hohes Maß an Können, Geduld und Erfahrung erfordert. Zur Anwendung kommt die Negativretusche bevorzugt bei der Portraitfotografie, hier meist nur bei großformatigen Negativen, z.B. ab 9x12 cm. Bei kleineren Formaten scheitern korrigierende Eingriffe durch Retusche einfach an der Größe des Negativs.

Bei der Firma Foto Vogel war die Negativretusche ein selbstverständlicher Arbeitsschritt im Werdegang eines hochwertigen Portraits.

Retuschiert wurde hierbei mit ca. 15-20 cm langen Bleistiftminen (meistens mit dem Härtegrad B oder HB) mit einem Durchmesser von ca. 1-2 mm. Ein bekannter Hersteller solcher Minen war die Firma Faber-Castell. Die handelsüblichen Minen musste man vorher mühevoll per Hand auf Sandpapier auf einer Länge von ca. 10 cm zu hauchdünnen Spitzen (wenige Zehntel Millimeter!) ausschleifen. Der untere, nicht angeschliffene Teil der Mine selbst steckt dabei in einem Minenhalter.

Bereits dieses Ausschleifen erfordert viel Geschick, Geduld und Erfahrung. Weil die Minen zunächst mit Sandpapier in gröberer Körnung „vorgeschliffen“ und dann mit immer feinerer Körnung „ausgeschliffen“ wurden, war das häufige Abbrechen der Minen bei Anfängern vorprogrammiert. Auch beim anschließenden Umgang mit der Mine ist äußerste Vorsicht notwendig, sie ist im Nu abgebrochen und das Anschleifen muss erneut erfolgen!
Mit dieser hauchdünnen Mine wird dann retuschiert und zwar überall dort auf dem Negativ, wo durch Lichtmangel starke Schatten entstanden sind. Diese erscheinen auf dem Negativ ungeschwärzt, also „hell“. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn die fotografierte Person eine stark faltige oder eine unreine Haut hat.

Bei der Retusche sollte das Negativ frei „schwingen“ können, das heißt, es sollte dem Druck des Retuschierstiftes nachgeben, damit dieser nicht abbricht. Man erreicht dies, indem man das Negativ auf dem Retuschierpult an einer Ecke mit einem Finger leicht anhebt. Die dünne Mine des Retuschierstiftes ist ihrerseits in Grenzen "biegsam".
Das Retuschierpult ist ein Haltegestell mit einer rückwärtig durchleuchteten, schräg gelagerten Milchglasscheibe.

Mit der Mine wird nun in kleinen kreisenden Bewegungen Minensubstanz (Graphit) auf die genannten Stellen aufgetragen und zwar auf der "matten" Seite (Schichtseite) des Negativs, weil nur hier die Minensubstanz haftet. Jeder Retuscheur hat hier eine andere Technik, entweder mit unendlichen Kreisbewegungen („Kringel“) oder unendlichen Schleifen („Achten“) oder mit anderen „Figuren“.
So werden die durch Pickel, Falten oder ganz banal durch Staub oder Härchen verursachten „helleren“ Stellen auf dem Negativ mit Graphit „verfüllt“ und in ihrem Grauwert der Umgebung angeglichen. Durch mehr oder weniger starkes Auftragen von Minensubstanz konnten die Übergänge "fließend" retuschiert werden, was besonders bei der Korrektur von Falten notwendig war.

Bei der anschließenden Herstellung des Bildes durch Kopieren oder Vergrößern lassen die retuschierten Stellen weniger Licht hindurch, das Bild ist an diesen Stellen „weniger schwarz“. Durch eine gute Retusche lassen sich so Hautunreinheiten, Pickel und Falten vollständig korrigieren bzw. entfernen.

Von der weitgehend glatten und ebenmäßigen Wiedergabe, z.B. von Haut, Gesicht und Nase, auf dem fertigen Bild war besonders die weibliche Kundschaft der Firma Foto Vogel im hohen Maße angetan! Sicher auch ein Grund für den guten Ruf von Heinz Vogel als Fotograf. ;-))

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Text: Jens Vogel (2013)

Foto Vogel
77 Jahre Fotografie in Mönchengladbach

1919 - 1995

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